Bettina Nebel
Unterwegs in den 70er Jahren

3.1.7. Sehen, Einstellungen und Politik
ALICE IN STÄDTEN, Wim Wenders, BRD 1974/74

Als wichtigster Vertreter der Schule des Sensibilismus gibt Wenders der Wahrnehmung und dem Sehen ein besonderes Gewicht:

"Beim Sehen ist für mich toll, daß es anders als das Denken nicht eine Meinung von den Dingen beinhalten muß. (...) im Sehen kann man eine Einstellung finden zu einer Person, zu einem Gegenstand, zur Welt, die meinungsfrei ist, wo man einer Sache oder einer Person gegenübersteht, ein Verhältnis dazu hat, wahrnimmt." [29]

Wenders Anspruch, keine Haltung zur Welt vorgeben, keine Bedeutungen oder Ideologien produzieren zu wollen, steht im Gegensatz zu einer gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung, die konkrete Aussagen oder klare Positionen verlangt. In dieser Hinsicht bleiben Wenders' Filme zurückhaltend und unbestimmt. Seine Art des Filmemachens hat ihm schon bald den Vorwurf eingebracht, unpolitisch zu sein. Neben dem Lob, mit dem er in der Tagespresse der 70er Jahre vorwiegend bedacht wurde, zog seine Einstellung auch die Kritik von jenen auf sich, die eine gesellschaftspolitische Sichtweise vom Filmemacher erwarteten. (Vgl. auch die Rezeption von ALICE IN DEN STÄDTEN, STROSZEK und DIE HAMBURGER KRANKHEIT).

Während gesellschaftspolitische Ideen im Verlauf der 70er Jahren einerseits an Geltung verlieren, radikalisieren oder verhärten sich andererseits die politischen Fronten immer mehr. Der nachlassende Glaube, mit politischem Engagement gesellschaftlich etwas bewirken zu können, macht sich im Rückzug in eine „neue Innerlichkeit" bemerkbar. Dieser Tendenz entsprechen Wenders Filme, indem sie das subjektive Erleben oder die subjektive Wahrnehmung sowie die zwischenmenschliche Beziehungsebene betonen. Wenders rechtfertigt seine Einstellung in einem Interview mit einem Plädoyer für das Sehen:

"Die politischen Inhalte selbst sind eigentlich für mich im Kino das am wenigsten Politische. Das allerpolitischste, was man Menschen, indem man es ihnen jeden Tag zeigt, einbläuen kann, ist: es gibt keine Veränderung. Indem man ihnen etwas zeigt, was offen ist für Veränderung, erhält man die Idee von Veränderung. Und das ist für mich der einzige politische Akt, zu dem Kino fähig ist: die Idee von Veränderung wachzuhalten."[30]

Bewegung steht bei Wenders für die Auflösung aus Erstarrung, einem Zustand, der Mitte der 70er Jahre die festgefahrenen politischen Fronten und Verhältnisse charakterisiert. In ALICE IN DEN STÄDTEN werden mit der Bewegung sowohl innere als auch äußere Veränderungen wahrnehmbar.
 

 
 

[29] Wim Wenders zitiert nach: Jansen / Schütte 1992. S. 68.

[30] Wim Wenders zitiert nach ebd., S. 79.

DIF, 3.4.2000  

 
 

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