Bettina Nebel
Unterwegs in den 70er Jahren

3.2. Kreisbewegungen - STROSZEK (1976/77) von Werner Herzog

STROSZEK, Werner Herzog, BRD 1976/77

Der Mythos Amerika, mit dem sich Wenders immer wieder auseinandersetzt, bildet auch den Kern von STROSZEK. Werner Herzog, der oft als typisch deutscher Filmemacher bezeichnet wird, nimmt die umgekehrte Richtung von Wenders in ALICE IN DEN STÄDTEN. Er schickt seine Figuren von der Bundesrepublik "ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten". Nachdem Amerika seine kulturelle Leitbildfunktion hierzulande verloren hat, ist STROSZEK eine finale Abrechnung mit dem "American Dream".[31]

In STROSZEK zieht der Aufbruch unweigerlich das Scheitern nach sich. Es ist eines der Leitmotive in Herzogs Werk, das häufig im Zusammenhang mit dem Mißlingen der Studentenrevolte von 1968 interpretiert worden ist.

Eine Gruppe von gesellschaftlich Ausgegrenzten - der Strafentlassene Stroszek (Bruno S.), die Prostituierte Eva (Eva Mattes) und der schrullige, alte Herr Scheitz (Clemens Scheitz) - brechen nach Amerika auf, um ihrer mißlichen sozialen Lage und der Gewalttätigkeit in der Großstadt Berlin zu entkommen.

 
STROSZEK, Werner Herzog, BRD 1976/77

Richtig Bewegung kommt nur für wenige Minuten in der Mitte und am Ende des Films auf. Dem Aufbruch nach Amerika und der Ankunft in New York folgt eine lange Fahrt in einem gemieteten Straßenkreuzer zum Zielort in Wisconsin. Das Abendrot am Horizont trägt als kitschiges Postkartenmotiv noch einen verklärten Hoffnungsschimmer in sich. Als ironischer Kommentar klingt dazu eine Art Country-Music. In dem Zielort Railroad-Flat wohnt ein Neffe von Herrn Scheitz, der Stroszek in seiner Autowerkstatt beschäftigt. Ein Mobile Home - ein im Nirgendwo aufgestellter Wohn-Container bietet jedoch nur vorübergehend Bleibe und häusliches Glück. Bald machen sich wieder finanzielle Sorgen bemerkbar, erste Raten werden fällig.

Neben der ziemlich öden Umgebung erzeugen die gelebten kleinbürgerlichen Vorstellungen von Zweisamkeit und Glück mit Farbfernsehen im Eigenheim Enge. Die alternative Lebensgemeinschaft zerbricht, als sich Eva schließlich mit zwei Truckern absetzt.

Nachdem das Mobile Home mit zungenbrecherischer Zahlenakrobatik versteigert und abtransportiert ist, steht Stroszek auch bildlich vor dem Nichts. Er und Herr Scheitz werden zu "outlaws". Herr Scheitz wird beim Überfall eines Supermarkts gestellt, während Stroszek noch einmal mit dem Abschleppwagen entkommen kann.

Er legt eine lange Strecke zurück, bevor er in einem Indianerreservat mit touristischem Erlebnispark anhält und sich in einem rotierenden Sessellift erschießt.

 
STROSZEK, Werner Herzog, BRD 1976/77

Die Fahrt durch nebelhafte Wälder in herbstlich-winterlichen Farben scheint endlos zu sein, obwohl die filmische Zeit nicht länger als zwei Minuten dauert. Die verschwommen wirkenden Landschaften erinnern an impressionistische Bilder. Als symbolischer Übergang zwischen Leben und Tod nimmt diese Sequenz das letzte Scheitern vorweg.

Der auf dem Parkplatz im Kreis gelenkte, fahrerlose Wagen macht dann überdeutlich, daß Mobilität und Bewegung dem engen Aktionsradius der äußeren Gegebenheiten sowie den eigenen Beschränkungen nichts entgegenzusetzen vermögen.

 
 [31] In diesem Zusammenhang erinnerte ich mich an die Deutsch-Amerikanischen Volksfeste und die Musik-Clubs der in der Nähe stationierten GI's, die in den 70er Jahren Anziehungskraft für uns Jugendlichen besaßen. Die amerikanischen Soldaten in der Bevölkerung genossen dagegen nur wenig Ansehen, zumal allgemein bekannt war, daß sie sich vorwiegend aus der sozialen Unterschicht der USA rekrutierten. Die Vorstellungen vom weiten Land der amerikanischen Ureinwohner und Nationalparks boten noch Stoff für Träume, obwohl man seit EASY RIDER ebenfalls wußte, wie es um die grenzenlose Freiheit in den USA tatsächlich bestellt war. Ein ganz anderes Bild des Landes, das einer intakten obgleich mutterlosen Familie, vermittelte die Vorabendserie Bonanza. Ein übergroßes Plakat von den Cartrights hängt in der Gefängniszelle, als sich Stroszek notgedrungen von der "innigen Männergemeinschaft" im Knast verabschiedet, um später sein Glück in Amerika zu suchen.
DIF, 3.4.2000   

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