Bettina Nebel
Unterwegs in den 70er Jahren

3.2.1. Berlin- und Amerikabilder
STROSZEK, Werner Herzog, BRD 1976/77

Im Milieu von Berlin-Kreuzberg entwirft Herzog Bilder der sozialen Kälte. Nachdem Stroszek die Geborgenheit der Zellengemeinschaft verlassen hat, ist die Eckkneipe "Bierhimmel" mit ihren vergilbten Vorhängen die nächste Anlaufstelle für Stroszek. Hier trifft er auf die von ihren Zuhältern gepeinigte Eva. Sie bringt Wärme in seine verlassene Wohnung und Ordnung in die mit Herrn Scheitz geteilte nachbarschaftliche Männerwirtschaft.

Die grauen Straßen erhalten nur durch die Obststände der türkischen Anwohner Farbe. Exotik zur Bewältigung des Alltags hat sich Stroszek zudem mit seinem Vogel Beo eingefangen.

 

 
STROSZEK, Werner Herzog, BRD 1976/77

Er tritt wieder als Straßenmusiker in kahlen Hinterhöfen auf. Doch nirgends sind Eva und Stroszek vor den gewalttätigen Übergriffen der Zuhälter sicher. Da wird Amerika in ihren Vorstellungen zu einem Ort, mit dem sich viele Hoffnungen verbinden.

In New York bieten sich ihnen noch die mittlerweile gewohnten, aber immer wieder faszinierenden touristischen Ansichten von Manhattan sowie Aussichten vom Empire State Bulding. Die Ausfallstraßen der Metropole und die Highways vermitteln eine Ahnung von den räumlichen Dimensionen des Landes. n.
 

 
STROSZEK, Werner Herzog, BRD 1976/77

Danach wirkt die winterliche Umgebung des Zielortes Railroad Flats in Wisconsin nur noch limitiert, flach und leer. Keine Spur von den großartigen Natur- und Landschaftsaufnahmen amerikanischer Filme, die eine Sehnsucht nach Amerika aufkommen lassen könnten.

Der amerikanische Traum, der jedem ungeachtet seiner sozialer Herkunft Erfolgsmöglichkeiten und ein besseres Leben verspricht, fällt nun in sich zusammen. Nach einem offenen Empfang und der Starthilfe durch den Neffen von Herrn Scheitz ist das ungleiche Trio auf sich selbst verwiesen. Es unterliegt den Bedingungen eines kapitalistischen Leistungssystems mit seinen gängigen Vorstellungen von Wohlstand und Glück. Die ins Bild gesetzten Wünsche der Figuren werden in der filmischen Realität vielfach gebrochen.

 

 
STROSZEK, Werner Herzog, BRD 1976/77

Daneben findet Herzog außergewöhnlich skurrile Darstellungen für ein bitterböses Amerikabild. Sie erinnern an Bilder aus jüngsten amerikanischen Independentfilmen: Zwei Farmer, die ihre Fehde um einen Streifen Land mit Traktoren, die Gewehre im Anschlag, austragen, lassen an den uralten Streit der Pioniere im Wilden Westen denken. Viele der Bewohner des Ortes sind bewaffnet. Aber die Gewalt tritt nicht offen zutage. Das Gerücht von einem Serienkiller macht die Runde. Die Suche nach Verschwundenen in der Nähe des vereisten Sees betreibt man hier als Freizeitbeschäftigung.

Viele der Bilder und Figuren von STROSZEK sind der Realität direkt entnommen. Trotz ihrer dokumentarischen Qualitäten zeigen sie jedoch eine Wirklichkeit, die ziemlich irreale Züge trägt. Die Fremdheit der Darstellungen korrespondiert mit der Fremdheit der Lebensverhältnisse, die durch ein autoritäres oder kapitalistisches Gesellschaftssystem bedingt sind und keine Alternativen zulasse

 
  
DIF, 3.4.2000  

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