Bettina Nebel
Unterwegs in den 70er Jahren

3.2.2. Sprachbarrieren, Grenzen und Mobilität
STROSZEK, Werner Herzog, BRD 1976/77

Der "Erziehungssprache" [32] der Besserungsanstalten in der BRD kann Stroszek verbal kaum etwas entgegensetzen, obwohl sein Widerspruchswille in seiner trotzigen Haltung zum Ausdruck kommt. Ebenso wehrlos sieht er sich der physischen Gewalt von Evas Zuhältern gegenüber. Den autoritären staatlichen und sozialen Hierarchien versucht das Trio durch einen Landeswechsel zu entgehen. Prinzipiell steht ihnen die Welt offen. Die finanziellen Mittel für die Reise kann Eva durch ihr Metier beschaffen. Kurz nach der Ankunft in den USA erweist sich allerdings die hiesige staatliche Ordnung als neues Hindernis für Autonomie. So erlauben es die Einreisebestimmungen Stroszek nicht, seinen Vogel Beo einzuführen.

 
STROSZEK, Werner Herzog, BRD 1976/77

Des Amerikanischen sind Stroszek und Herr Scheitz nicht mächtig. So bleiben ihnen viele der Regeln und Umgangsformen der amerikanischen Gesellschaft unzugänglich. Evas Sprachkenntnisse helfen ihr indes, sich in der anderen Kultur schneller zurechtzufinden. Ihr allerorts praktikables Gewerbe, das sie nun in Eigenregie betreiben kann, macht sie gewissermaßen unabhängig. Sie zieht die Straße einer dauerhaften aber einengenden und eintönigen Beziehung vor und begibt sich wieder "on the road". Weniger flexibel sind Stroszek und Herr Scheitz. Trotz Ortswechsel und geographischer Mobilität können sie die sozialen und kulturellen Grenzen nicht passieren, die über Sprache hergestellt werden. Als einzige Wahlmöglichkeit bleibt Stroszek am Ende die zwischen Leben und Tod.

 
STROSZEK, Werner Herzog, BRD 1976/77

Stroszeks letzte Fahrt führt ihn in ein ausgewiesenes Indianerreservat, wo die nomadisierenden Ureinwohner von einst auf wenige Quadratkilometer zusammengedrängt leben müssen. Ihre kulturelle Identität wird von der herrschenden Gesellschaftsform nur unter Verwertungsgesichtspunkten gesehen und als touristische Attraktion vermarket. An dieser Stelle berührt sich Stroszeks und Bruno S' Geschichte mit der der Indianer, die durch die Unterdrückung eines eigenständigen und selbstbestimmten Lebens gekennzeichnet ist.

 
STROSZEK, Werner Herzog, BRD 1976/77

Als Außenseiter haben die Protagonisten nur begrenzte Handlungsmöglichkeiten und Bewegungsfreiheiten in einer nach wie vor von Autorität geprägten und konsumorientierten Gesellschaft, wie sie in STROSZEK skizziert wird.

Mit Reformen wurde in den 70er Jahren versucht, soziale Unterschiede auszugleichen. Mobilität in Form von sozialem Aufstieg und Bildung kann Stroszek nicht realisieren. Der Film plädiert vielmehr für die Anerkennung von bestehenden Differenzen und anderen Lebensformen innerhalb gesellschaftlicher Hierarchien.

Das Problem der Ungleichheit stellt sich auch für Herzog. Er nimmt sich als bereits etablierter Filmemacher mit Bruno S. eines "Unterprivilegierten" an und rückt ihn ins Zentrum des Interesses. Sein Erfolg mit dieser Strategie löst in den 70er Jahren heftige Diskussionen aus.

 
 [32] Schütte, in: Frankfurter Rundschau vom 23.06.1977.
DIF, 3.4.2000  

 

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