Bettina Nebel
Unterwegs in den 70er Jahren

3.2.3. Suche nach einem Standort und Utopie "Heimat"
STROSZEK, Werner Herzog, BRD 1976/77

Ebensowenig wie in der BRD können sich die Protagonisten in den USA auf Dauer fest verorten. Die Straße als mobile Erwerbs- und Lebensform steht allenfalls Eva offen.

Die Träume von Herzogs sehr antibürgerlichen Figuren gelten nicht der Ferne oder dem Fremden. Sie fußen in der sehr privaten "Sehnsucht nach Behausung"[33], die ein Recht auf menschliche Existenz einschließt und mehr ist als bloßes Überleben. Ihre als Alternative angelegte Lebensgemeinschaft reproduziert allerdings nur die kleinbürgerlichen Vorstellungen von Glück und Familie. Das Lebensmodell scheitert deshalb sowohl an den materiellen Schwierigkeiten, die Spannungen auslösen, als auch an der Enge des Zweierbeziehungsmodells.

 
STROSZEK, Werner Herzog, BRD 1976/77

Das Reisemotiv veranschaulicht die Suche nach dem eigenen Standort in der Gesellschaft und die Diskrepanz zwischen Selbstverwirklichung und Realität[34]. Buchka schreibt:

"Selbstverwirklichung, das war einer jener zentralen Begriffe, die die utopische Gesellschaftskritik der APO zur Zeit der Studentenrevolte bestimmten."[35]

Der Begriff umfaßte die Forderung nach Selbstbestimmung und freier Entfaltung des kreativen Individuums und wandte sich gegen die herrschende Gesellschaftsordnung. Er implizierte, daß jeder ein künstlerisches Potential oder die Fähigkeit besitzt, sich selbst zu entwerfen.

Stroszeks Ausdrucksmittel ist vor allem die Musik. In einer Szene versucht er Eva seinen Zustand der inneren Zerrissenheit mittels eines von ihm angefertigten Kunstobjektes mitzuteilen. Die Szene macht die Isolierung und Selbstentfremdung des künstlerischen Subjekts deutlich, das unverstanden ist oder dessen Fähigkeiten gesellschaftlich nicht anerkannt werden.

 
STROSZEK, Werner Herzog, BRD 1976/77

Stroszeks Ziel ist es, einen dauerhaften Platz in der Gesellschaft zu finden. Im Gegensatz zu Philipp Winter in ALICE IN DEN STÄDTEN besitzt er nicht die Perspektive ständiger Bewegung und Identitätsfindung. Er kann weder längerfristige Beziehungen aufbauen noch Fuß in einer Gesellschaft fassen, deren Konventionen von Erfolg, einem richtigen Leben oder Glück nicht die seinen sind und seiner Selbstverwirklichung entgegenstehen.

Die Ausbruchsversuche der Protagonisten geben jedoch dem Zuschauer das Gefühl, (wo)anders sein oder Glück finden zu können. In der Bewegung des Films liegt so ein Versprechen von Heimat, das für Peter Buchka die "Möglichkeit von Utopie ins Gedächnis zurückruft"[36]. Das ist einer der Gründe, weshalb der Film in den 70er Jahren besonders positiv von Presse und Publikum aufgenommen wurde. (vgl. auch Pressestimmen und Rezeptionsweisen)

 
 

[33] Blumenberg, in: Die Zeit vom 10.06.1977.

[34] Vgl. Sahbi, 1982. S. 4.

[35] Buchka, 1993. S. 40.

[36] Buchka, in: Süddeutsche Zeitung vom 18.06.1979.

DIF, 3.4.2000  

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