Bettina Nebel
Unterwegs in den 70er Jahren

3.2.4. Produktions- und Arbeitsweise
STROSZEK, Werner Herzog, BRD 1976/77

Werner Herzog (geb. 05.09.1942) realisiert nach seinem Abitur Anfang der 60er Jahre erste autodidaktische Kurzfilmarbeiten und gründet bald darauf seine eigene Filmproduktionsfirma. Für STROSZEK erhält er Projektförderung im Rahmen des Film-Fernseh-Abkommens. Die USA kennt er seit seinem Auslandsstudium in den 60er Jahren und von der Arbeit bei einem amerikanischen TV-Sender. Auf Wisconsin als Drehort ist Herzog während einer zehntägigen Autofahrt 1975 durch die USA für Aufnahmen zu HERZ AUS GLAS (1976) aufmerksam geworden. Im Anschluß dreht Herzog dann noch den Dokumentarfilm HOW MUCH WOOD WOULD A WOODCHUCK CHUCK (1975/76) in Amerika.

Der Hauptdarsteller Bruno S. ist bereits aus Herzogs Kaspar-Hauser-Adaption JEDER FÜR SICH UND GOTT GEGEN ALLE (1974)[37] bekannt. Er bringt seine eigene Biographie in den Film mit ein, die durch Aufenthalte in Erziehungsheimen und Heilanstalten charakterisiert ist. STROSZEK stellt vor allem durch seinen sehr authentisch wirkenden Hauptdarsteller sowie durch weitere Laiendarsteller ein besonderes Verhältnis zwischen Fiktion und Realität her.

 
STROSZEK, Werner Herzog, BRD 1976/77

Mit dem Titel sowie thematisch und motivisch nimmt STROSZEK Bezug auf frühere Filme von Herzogs Werk. Die textuellen Querverbindungen zeichnen Herzogs Arbeitsweise aus und ziehen sich gleichermaßen durch seine dokumentarischen und fiktionalen Filme gleichermaßen. Auch STROSZEK enthält "alle Elemente seiner privaten Mythologie", angefangen "von den Kreisbewegungen, die Ausweglosigkeit signalisieren (...) bis hin zu den Hühnern, für Herzog Inbegriff von Tücke und Dummheit."[38]

STROSZEK ist der erste Spielfilm Herzogs, der in der Gegenwart spielt. Das Buch zu der einfachen und nacherzählbaren Geschichte hat Herzog selbst verfaßt. Phantastisch wird der Film durch die auftretenden sehr eigenen und skurrilen Figuren, die unerhörten Begebenheiten und die nie zuvor gesehenen Bilder, die Herzogs filmische Leidenschaft ausmachen.[39] Die Suche nach außergewöhnlichen Bildern gehört bei Herzog zu seinen wichtigsten Reisemotiven.

 
 

[37]Mit der Auszeichnung des Films in Cannes betritt der "Neue deutsche Film" internationales Parkett.

[38] Blumenberg, in: Die Zeit vom 10.06.1977.

[39] Fischer / Hembus, 1981. S. 252.

DIF, 3.4.2000  

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