Bettina Nebel
Unterwegs in den 70er Jahren

3.3. Traumbewegungen - DIE ABFAHRER (1978) von Adolf Winkelmann
DIE ABFAHRER, Adolf Winkelmann, BRD 1978

DIE ABFAHRER (1978) entführen in dem Debütfilm von Adolf Winkelmann aus Unternehmungs- und Abenteuerlust einen Möbeltransporter. Die gemeinsame Aktion führt die drei Freunde Atze, Lutz und Sulli vorübergehend aus ihrem Alltag heraus, der geprägt ist von Jugendarbeits- und Perspektivlosigkeit im verschwindenden Arbeitermilieu des Ruhrgebiets. Im Verlauf der ereignisreichen Fahrt können sie ihre ansonsten stark eingeschränkte Handlungsfähigkeit praktisch unter Beweis stellen.

Die Nachttour auf der Autobahn sowie eine lange in bläuliches Licht getauchte Tunneldurchfahrt versinnbildlichen einen transitorischen Zustand und verleihen der Reise zu Beginn und zum Ende einen traumhaften Charakter. Atmosphäre gewinnen die Fahrten durch Musik und Lichtgestaltung. Die bunten Lichtreflexe auf regennasser Scheibe und nächtlichen Straßen sind kunstvoll in Szene gesetzt. Das ins Führerhaus einfallende Tageslicht vermittelt eine losgelöste Stimmung während die durchquerten Wälder, das Münsterland sowie die angesteuerten Orte nur wenig Attraktivität aufweisen.

Dadurch, daß die Kamerafahrten parallel zu den starren Einstellungen auf bildfüllende rußgeschwärzte Hauswände im Revier montiert werden, wo Fensterrahmen nur begrenzte Ausblicke gewähren, bekommt Bewegung eine besondere Bedeutung. Das Gefühl der Möglichkeit von Bewegung ist es, was in dieser ziemlich aussichtslos erscheinenden Situation zählt und was den Film bis zuletzt nicht resignativ werden läßt. Mit der Bewegung erweitert sich der Blickwinkel der Jugendlichen und sie lernen andere Perspektiven kennen.

 
DIE ABFAHRER, Adolf Winkelmann, BRD 1978

Während der Fahrt setzen sich die drei Freunde nicht nur in lakonischen Aussprüchen und witzigen Dialogen mit ihrem Selbstverständnis als Arbeiter ohne Arbeit auseinander. Unterwegs kommt auch ihr Rollenverständnis durch die Begegnung mit der Anhalterin Svea ins Wanken. In ihrem Milieu herrschen noch die traditionell getrennten Geschlechtersphären vor: Frauen beim Einkauf oder beim Wäscheaufhängen, Männer in der Kneipe nebenan beim Fußballschauen. Erste Brüche sind hier durch die Arbeitslosigkeit entstanden, die auch die Männer zwingt, zu Hause zu bleiben. Der ökonomische und geschichtliche Wandel sowie die Auswirkungen auf die Menschen der Region werden im Alltäglichen sichtbar, während die Jugendlichen auf der Fahrt Erfahrungen machen, durch die sie langsam ein Bewußtsein für diese Veränderungen entwickeln. Schließlich kehren die Aussteiger in ein Umfeld zurück, das von Verständnis für die Situation der arbeitslosen Jugendlichen und von nachbarschaftlicher Solidarität getragen wird.

"Der kleine witzige Film bezieht seine Wirkung aus der Balance zwischen dem Wegträumen und dem klaren Blick ins Zentrum der Probleme der Arbeitslosigkeit." [40] Winkelmann versteht es, genaue Milieustudien und authentisch wirkende Darsteller mit populären Erzählmustern und Musik auf mehreren Ebenen zu verflechten. Die sehr ansprechende künstlerische Bild- und Lichtgestaltung läßt die fehlende technische Perfektion nicht vermissen.

Der folgende zeitgenössische Kritikauszug weist DIE ABFAHRER als Zeitdokument aus, das die "no future"-Stimmung der Endsiebziger zurückweist:

"Hier wird nicht etwa ein Traum realisiert, mit einem schönen roten Möbelwagen über die Autobahn zu brausen. Dahinter stehen immer die Wirklichkeit und Zeit: Bundesrepublik Deutschland in den siebziger Jahren, Jugendarbeitslosigkeit, soziale Probleme, wo man hinschaut. DIE ABFAHRER ist ein spannender schöner Film, der nachdenklich macht, und von dem viel Hoffnung und Aktivität ausgehen."[41]

In ästhetischer Hinsicht geht der Film weit über seine Zeit hinaus und besitzt Aktualität nicht nur wegen der zunehmenden (Jugend-) Arbeitslosigkeit im ausgehenden 20. Jahrhundert, die im deutschen Mainstream-Kino bislang gerne ausgeblendet bleibt.

 
 

[40] N.N., in: Die Weltwoche vom 29.08.79.

[41] N.N., in: Rheinische Post (Düsseldorf) vom 03.11.1979.

DIF, 3.4.2000  

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