Bettina Nebel
Unterwegs in den 70er Jahren

3.3.1. Heimat im ökonomischen und soziokulturellen Wandel
DIE ABFAHRER, Adolf Winkelmann, BRD 1978Die Fahrt beschreibt in DIE ABFAHRER den Aufbruch der Protagonisten in eine andere Lebensphase. Sie steht für das Stadium der Adoleszenz, die psychologisch als "Zwischenwelt der Heimatlosigkeit" [42ausgelegt wird.
Ihr Heimatort liegt noch ohne Frage im Ruhrgebiet. Dort entzieht die Arbeitslosigkeit aber zunehmend die Existenzgrundlagen, weshalb sich die ersten entschließen wegzuziehen.
Von Svea nach ihrem Zielort befragt, können DIE ABFAHRER weder einen konkreten Ort noch irgendein romantisches Fluchtziel benennen. Sie wissen nicht, wo sie eigentlich hinwollen. Ihre Route orientiert sich pragmatisch an den Wegweisern der Autobahn, an Sveas Wohnort oder dem Auftragsbuch der Möbelwagenfirma. 

Auch in der ironischen Wendung bringen Sprache und Alltagshandlungen von Atze, Lutz und Sulli ihre Identifikation mit ihrer bisherigen Lebens- oder Arbeitswelt zum Ausdruck. Ihre Freundschaft sowie die familiären nachbarschaftlichen Beziehungen im Milieu geben ihnen bedingt Heimat. In der Halböffentlichkeit des Hinterhofs führen sie jedoch ein Schattendasein, das sie von gesellschaftlicher Partizipation ausschließt. 
Erste ernsthafte Erosionserscheinungen ihres Selbstverständnisses zeigen sich, als die drei Jugendlichen aus Scham über ihre Arbeitslosigkeit nicht mehr wie sonst zum kollektiven TV-Fußballabend in die Kneipe gehen. Anstatt wie bisher durch das "Fenster der Welt" fernzusehen, schlägt Atze eine Spritztour mit dem defekten Möbelwagen vor, der vor ihrer Haustür geparkt ist. 

Die Straße ist für sie zwar nicht als Ort des öffentlichen Protest gewählt. Dennoch verschafft ihnen die Aktion besondere Aufmerksamkeit. Zuerst werden sie von der Polizei auf der Autobahnraststätte und dann von Ordnungshütern anderer Profession (Müllmänner) als Kriminelle verfolgt. Eine Suchmeldung des Radios macht den Erwachsenen zu Hause das Handeln der Jugendlichen langsam begreifbar. Der Zusammenhang mit der sozial-ökonomischen Situation, die sie alle gleichermaßen betrifft, wird klar. Bewegung signalisiert in diesem Fall die Dringlichkeit gemeinsamer und politischer Handlungsstrategien. 

"Abfahren" ist nicht mit "abhauen" gleichzusetzten. Wolfram Schütte präzisiert dies in der Klammer "(weder nach Indien oder ins hiesige Nirwana)"[43], die auf derzeit übliche Aussteigerträume und -praktiken nicht nur von Jugendlichen anspielt. Den "Abfahrern" ist hingegen Flucht als "bestimmendes Reisemotiv fremd, ihre Reise kennt eine Rückkehr in die Wirklichkeit"[44]. Ihr Verständnis von Heimat ist weder kulturell noch geschichtlich vorbelastet. Identität wird für sie erst durch die schwierigen Lebensumstände vor Ort zum Problem. Die Identifikationskonzepte, die der Film anbietet, finden Ende der 70er Jahre Zustimmung bei einem breiten Kinopublikum. (Vgl. auch Identifikationskonzepte, Rezeptionsweisen und Pressestimmen). 

 
 [42] Vgl. Mattenklott, in: Karpf, 1991.

[43] Schütte, in: Frankfurter Rundschau vom 20.07.1979.

[44] Andre, in: Rheinische Post vom 25.08.1979.

DIF, 3.4.2000  

 
 

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