Bettina Nebel
Unterwegs in den 70er Jahren

3.3.2. Arbeitsweise und Produktionsbedingungen
DIE ABFAHRER, Adolf Winkelmann, BRD 1978

Der 1946 in Hallenberg (Westfalen) geborene Adolf Winkelmann ist nach dem Kunststudium in Kassel durch seine Experimentalfilme bekannt geworden. In den 70er Jahren hat er einige Dokumentarfilme gemacht, bevor er mit DIE ABFAHRER 1978 seinen ersten abendfüllenden Spielfilm realisierte. Hauptberuflich war der seinerzeit dreiunddreißigjährige Winkelmann als Professor an der Fachhochschule für Design in Dortmund beschäftigt.
Angeregt wurde die Geschichte durch Winkelmanns eigene Kindheitserlebnisse mit Möbeltransportern in der elterlichen Spedition. Außerdem wollte er zusammen mit Leuten, die er kennt, das umsetzen, "was denen auf der Zunge brennt"[45]. Deshalb hat er mit seinem Co-Drehbuchautor Gerd Weiss in Dortmund recherchiert und Leute zur Geschichte befragt. Nachdem er den Eindruck bekam, "daß da 'ne ganze Generation auswandern will" [46], hat er den "Jugendtraum vom Aussteigen" in Bilder umgesetzt. Die Süddeutsche Zeitung bringt zur Fernsehausstrahlung in der ARD einen Auszug aus einem Interview des WDR mit Winkelmann: "Wenn man mit diesen jungen Typen bei uns zu tun hat, mit den Problemen ihrer Arbeitslosigkeit, mit ihren Träumen, diesen Vorstellungen von einem anderen Leben, dann lag die Geschichte förmlich in der Luft", resümiert er rückblickend. An anderer Stelle äußert Winkelmann, er habe "einen Traum in die Realität der vielen jungen Typen gemogelt, die den ganzen Tag rumhängen und nicht wissen, was sie tun sollen."[47]

Mit seiner Arbeitsweise versuchte Winkelmann "ganz direkt ein Lebensgefühl, eine Stimmung"[48] zu vermitteln. Er wollte sowohl eine ganz realistische Geschichte umsetzen als auch einen unterhaltenden Film machen: "Der Film soll einen anmachen und einen anregen zum Nachdenken, man soll ihn gesehen haben und wieder Kraft haben, sich draußen auseinanderzusetzen."[49]
 

 
DIE ABFAHRER, Adolf Winkelmann, BRD 1978

In der Zeitschrift Zoom vom 19.09.79 wird berichtet, daß Winkelmann seine Absicht, die drei Protagonisten von den verfolgenden Fernfahrern umbringen zu lassen, wieder fallengelassen hat, nachdem die Szene bereits abgedreht war.[50]

Winkelmanns Film ist mit einem Budget von knapp 300.000 Mark und ohne staatliche Förderung ausgekommen. Zwei Drittel wurden vom WDR zur Verfügung gestellt. "Ohne große Auflagen"[51], wie Winkelmann versicherte. Der Rest konnte über Eigenleistungen und Rückstellungen finanziert werden. Das schmale Budget ist dem Film zwar in der technischer Umsetzung anzusehen, wurde aber durch einen großen Einfallsreichtum wettgemacht: Das Dach der Führerkabine ersetzte man eigens für die Dreharbeiten durch Plexiglas. So konnte Winkelmann und sein Kameramann David Slama bei den Fahrszenen eine erstaunliche Realistik von Licht und Schatten erzielen.[52]
Für die Kinoauswertung mußte der 16-mm-Film in das übliche 35-mm-Format "aufgeblasen" werden. Er bekommt durch die grobe Körnung und verwischten Farben eine ganz persönliche Note, indem zusätzliche "Ruhrgebiets-Authentizität"[53] auf die Leinwand gebracht wird.

 
 

[45] Seidel, in: Stuttgarter Zeitung vom 20.07.1979.

[46] Jagau, in: Wiesbadener Kurier vom 13.10.1979.

[47] N.N., in: Süddeutsche Zeitung vom 29.07.1981.

[48] Jagau, in: Wiesbadener Kurier vom 13.10.1979.

[49] N.N., in: Süddeutsche Zeitung vom 29.07.1981.

[50] Odermatt, in: Zoom vom 19.09.1979.

[51] Schmid, in: Stuttgarter Zeitung vom 27.07.1979.

[52] Seidel, in: Stuttgarter Zeitung vom 20.07.1979.

[53] Odermatt, in: Zoom vom 19.09.1979.

DIF, 3.4.2000  

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