Bettina Nebel
Unterwegs in den 70er Jahren

3.4. Fluchtbewegungen - DIE HAMBURGER KRANKHEIT (1979) von Peter Fleischmann
DAS UNHEIL, Peter Fleischmann, BRD  1970

Peter Fleischmann findet mit das DAS UNHEIL (1970) Erwähnung (vgl. auch den Essay von Bettina Jäger) in der Filmliteratur unter "linkes und revolutionäres Kino des Westens"[54]. Im Vergleich zu anderen Autorenfilmern ist sein Werk weitgehend unbeachtet geblieben und heute nahezu unbekannt. Aus der zeitlichen Distanz erscheint DIE HAMBURGER KRANKHEIT (1979) jetzt als treffende Zeitdiagnose. In dem Film brechen sich zeitaktuelle politische Debatten um die Grenzen des Wirtschaftswachstums sowie Diskurse um das Verhältnis von Alternativ- und Fluchtbewegung [55], die dazu führen, daß die Grüne Partei gegründet wird. Im Hinblick auf den konservativen Regierungswechsel und die Diskussion um das AIDS-Virus Anfang der 80er Jahre ist der Film erstaunlich weitsichtig und seiner Zeit voraus.

Wie DAS UNHEIL ist auch dieser Film ein filmisches Fresko der bundesrepublikanischen Gesellschaft. Das Katastrophenszenario zeigt Gesellschaft auf der Flucht vor einer mysteriösen Epidemie. Fleischmann läßt eine bunt zusammengewürfelte Gruppe in wechselnder Besetzung Deutschland von Norden nach Süden durchqueren und gibt gleichzeitig einen Querschnitt durch die bundesrepublikanische Gesellschaft Ende der 70er Jahre. Die aufgrund einer Notlage zusammenfindenden Personen repräsentieren bestimmte Schichten, ethnische und andere Randgruppen, politische und spirituelle Richtungen. Sie positionieren sich insbesondere durch die zu Schlagworten geronnenen Phrasen im Film. Auf der Reise mit unbestimmtem Ziel werden herrschende Ängste, die nicht selten in panische Reaktionen umschlagen, sowie unterschiedliche Befindlichkeiten augenfällig gemacht. Am Ende der Flucht haben sich nicht die noch verbleibenden Protagonisten gewandelt, sondern die Politik der Republik.

Der Film ruft Verunsicherung hervor. Das Chaos auf der Handlungsebene findet filmisch seinen Ausdruck in geradezu gewaltsamen Stilbrüchen. Er changiert zwischen Katastrophen- und Science-fiction-Film, verarbeitet Elemente des Road Movies. Die Bildqualität verleiht dem Film teilweise dokumentarischen Charakter.

Mit jedem abgeschnittenen Handlungsfaden geht für den Zuschauer eine mögliche Identifikationsfigur verloren. Der Film erscheint somit nicht geschlossen und in handwerklicher Hinsicht oft unfertig. Er bleibt fragmentarisch und holzschnittartig bei dem Versuch, Gesellschaft in ihrer Komplexität zu erfassen. Die Skizze gewinnt aber durch die vielfältigen Anspielungen und Verweise einen größeren Bezugsrahmen, der bundesrepublikanische Wirklichkeit Ende der 70er Jahre in einem weiten Ausschnitt darstellt.

 
 

[54] Vogel, 1997. S. 123.

[55] Kraushaar, 1978.

DIF, 3.4.2000  

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