Bettina Nebel
Unterwegs in den 70er Jahren

3.4.1. Notgemeinschaft
DIE HAMBURGER KRANKHEIT, BRD/FR 1978/79

Die Figuren kommen aufgrund eines Ausnahmezustands zusammen. Ihr Aufbruch ist forciert. Fahrzeuge und Besetzung wechseln mehrfach auf der Fahrt.
Zwischen den Mitreisenden gibt es kaum Ebenen der Verständigung. Die Mehrheit läßt sich vom Strom der Ereignisse einfach treiben. Sie reagieren anstatt zu agieren. Ziele oder Handlungsstrategien können nicht formuliert werden. Als hilfloser Helfer findet sich der Arzt Sebastian (Helmut Griem) in dieser Situation wieder. Floskeln oder Beschimpfungen bestimmen die Kommunikation von Ottokar und Heribert. Beziehungen, die sich in Ansätzen entwickeln, werden zumeist von (männlichen) Wunschvorstellungen getragen. Das "Objekt der Begierde" für Sebastian, Heribert, Ottokar ist die etwas einfältig wirkende langhaarige Ulrike. Den Annäherungen und Rettungsangeboten ihrer Verehrer gegenüber zeigt sie sich jedoch mehr oder minder indifferent. Der Tod von Sebastian und Alexander, mit denen sie zuvor die wenigen "beschaulichen" Augenblicke geteilt hat, löst keine sichtliche Betroffenheit in ihr aus. Die Verbindung, die sich zwischen Fritz und einer der italienischen Anhalterinnen ergibt, mündet sogleich in familiäre Schemata, die gängige Auseinandersetzungen provozieren. Alle wirken für sich stehend und isoliert. In der Gesamtschau entsteht das Bild einer Gesellschaft, der der soziale Kitt fehlt. Die Katastrophe und die äußeren Umstände sind das einzige, was sie zusammenhält.

 
  
DIF, 3.4.2000  

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