Bettina Nebel
Unterwegs in den 70er Jahren

3.4.2. StationenRichtungen und Parolen
DIE HAMBURGER KRANKHEIT, BRD/FR 1978/79

Kirschgellersen, Lüneburg, Fulda und der Altrhein sind einige Stationen auf dem Weg von Hamburg ins Gebirge. Die Fahrt von Sebastian, Ulrike, Ottokar und Heribert führt sie durch unterschiedliche Regionen Deutschlands. Zuerst geht sie von der Stadt aufs Land, folgt einer Richtung der Alternativbewegung. In Kirschgellersen treffen sie auf den völlig verstörten Fritz, den einzigen Überlebenden des Dorfes und auf Alexander, der in sich selbst ruhend, der äußeren Realität enthoben wirkt. Er geht unbeeindruckt seiner selbständigen Arbeit nach: der Überführung von Wohnwagen. Hans Langhans als Alexander verkörpert den Rückzug nach innen, der über weite Stecken als ein probates Mittel gegen die Krankheit erscheint.

 
DIE HAMBURGER KRANKHEIT, BRD/FR 1978/79 Die Frage nach der richtigen Richtung stellt sich Sebastian in Lüneburg auf der Überfahrt zum Haus seiner Schwester, als der Fähr- und Steuermann plötzlich abhanden gekommen ist. Zu Hause angekommen, nimmt Sebastian vor laufendem Fernsehen eine embryonale Haltung ein und stirbt. Die gespielte volkstümliche Musik klingt ironisch wie "Daheim sterben die Leut'".
Mit dem Weg nach Süden, der Hoffnung symbolisiert, ist gleichfalls eine politische Richtung vorgegeben, der sich keiner der Reisenden entziehen kann. Besonders deutlich macht dies die Anweisung "Du mußt dich rechts halten!", die Ottokar an Alexander gibt, als auf der leergefegten Autobahn plötzlich Rettungsfahrzeuge entgegenkommen und Alexander zum Geisterfahrer machen. Der Esoteriker Alexander versucht über das Autoradio, Kontakt zu anderen Welten aufzunehmen, empfängt stattdessen aber nur Morsezeichen "von drüben".

 
DIE HAMBURGER KRANKHEIT, BRD/FR 1978/79Fulda, der Bestimmungsort des Wohnanhängers, ist wegen der Katastrophe in Aufruhr. Die kleinbürgerlichen Empfänger beschweren sich indes nur über den schlechten Zustand ihres Campingwagens, der zum Symbol ihrer Spießigkeit wird. Die Art Mobilität, die dieses Haus auf Rädern seinen Besitzern gewährt, führt nicht automatisch zu mehr Weltoffenheit.
Inmitten einer weiten, entlegenen Hügellandschaft treffen Ulrike, Heribert und Ottokar dann auf eine "Geschlossene Gesellschaft". Sie mischen sich unbemerkt unter die exzessiv Feiernden. Dem ausufernden Fest gebietet Heribert Einhalt, indem er in die Luft feuert. "Wenn man im Chaos schießt, tritt zwangsläufig eine Ordnung ein", kommentiert Ottokar anerkennend. Die Strategie zeigt in den aus den Fugen geratenen Verhältnissen aber keinen längerfristigen Effekt.
 
DIE HAMBURGER KRANKHEIT, BRD/FR 1978/79 Für Alexander kommt die Erkenntnis zu spät, die er, von den Schüssen bayrischer Jäger getroffen, sterbend formuliert: "Man kann nicht immer nur fliehen, man muß die Abenteuer im eigenen Land bestehen." In Bayern kehrt schließlich Ruhe ein und man geht der alten bierseligen Gemütlichkeit nach. Die Alpen makieren die eingeschränkte Sichtweise ihrer Bewohner. Die Krankheit macht dagegen keinen Halt an der Grenze, sondern greift auf die Nachbarländer über.  
  
DIF, 3.4.2000  

nächste Seite Kapitelübersicht zurück