Bettina Nebel
Unterwegs in den 70er Jahren

3.4.3. BRD - keine Nischen, keine sichere Bleibe, keine politische Heimat
DIE HAMBURGER KRANKHEIT, BRD/FR 1978/79

DIE HAMBURGER KRANKHEIT steht noch im Zeichen linker Gesellschaftskritik, die sich an Heimatmotiven festmacht. Daneben richtet sie sich gegen unterschiedliche Gruppierungen und die politischen Tendenzen, die sie vertreten. Im Verlauf der Reise scheint die Gefahr nicht mehr so sehr von der Epidemie, sondern vielmehr von dem totalitären Staat auszugehen, der alles vereinnahmt. Anklänge an den faschistischen Staat werden laut. Der Arzt und Wissenschaftler Sebastian stellt die These auf, daß auch ein "politisches Klima" ansteckend sein könne, während polizeiliche Ordnungskräfte die Seuche erst mit dem vermeintlichen Impfstoff auf bislang verschont Gebliebene übertragen. "Wir können niemanden gebrauchen, der querschießt", sagt der Arzt, als er die Zwangsmaßnahme bei Ulrike durchführt.

 
DIE HAMBURGER KRANKHEIT, BRD/FR 1978/79

Nirgends gibt es noch sichere Rückzugspunkte. Überall, wo die Notgemeinschaft hinkommt, hat die Krankheit bereits ihre Spuren hinterlassen. Die ländliche Idylle bietet hinter der Fassade Orte des Grauens. Sie läßt keinen Raum mehr für eskapistische Vorstellungen oder Aussteigerträume. Sebastian flüchtet sich in regressive Phantasien. In der Mitte des Films erliegt er quasi seinen Jugenderinnerungen. Den Anhänger fernöstlicher Ideen, der von Ex-Kommunarde Hans Langhans gespielt wird, bringt nicht das ominöse Virus, sondern eine Gewehrkugel zu Fall.
In diesem "Danse macabre" bewähren sich nur wenige Überlebensstrategien: Krisengewinnler und Opportunist Heribert ist handlungsfähig, solange er aus dem Ausnahmezustand Vorteil zu schlagen weiß. Nachdem der alte Bundeskanzler für tot erklärt wurde und die neue konservative Regierung die Seuche unter Kontrolle gebracht hat, werden letzte abweichende Elemente in Sicherheitsgewahrsam genommen. Nach kurzem Arrest kommt Ottokar allerdings wieder frei, der sich zuvor wie Ulrike und Heribert in die landesübliche Tracht gekleidet hat und assimiliert scheint.

 
DIE HAMBURGER KRANKHEIT, BRD/FR 1978/79

Ulrike bleibt bis zum Schluß resistent. Weder Krankheit noch Impfung können ihr etwas anhaben. Es gelingt ihr, sich auf die Almhütte ihres Großvaters zu retten, bevor der Katastrophenschutz sie mit Hubschraubern aufspürt und entführt. Es wird nochmals deutlich gemacht, daß es keinen Platz außerhalb der Gesellschaft gibt und auch die Natur keine politische Ersatzidentität bietet. Der Traum vom natürlichen Leben im Einklang mit der Natur wird wie eine Seifenblase zum Platzen gebracht und durch den Jodelgesang des Großvaters noch zusätzlich ins Lächerliche gezogen.
Als eine Alternative wird allenfalls die Wanderschaft abseits von gepflasterten Straßen und Ansiedlungen gezeigt, auf die sich der "alte Philosoph" mit Gleichgesinnten begibt. Er wirbt für Bewegung ohne feste Bleibe. Als Intellektueller bezieht er Postition an den Rändern der Gesellschaft.

 
DIE HAMBURGER KRANKHEIT, BRD/FR 1978/79Die Gesellschaftskritik nimmt in DIE HAMBURGER KRANKHEIT überspannte Züge an. Der Rundumschlag richtet sich nicht mehr nur gegen die herrschenden Verhältnisse, sondern insbesondere auch gegen die alternativen Einstellungen und Handlungsentwürfe, die aufgrund ihrer Heterogenität politisch wirkungslos sind. Der Film macht die politische und gesellschaftliche Isolation sowie den Zerfall der Alternativbewegungen und subkulturellen Fluchtbewegungen deutlich.  
  
DIF, 3.4.2000  

 

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