Bettina Nebel
Unterwegs in den 70er Jahren

3.4.5. Produktions- und Arbeitsweise
DIE HAMBURGER KRANKHEIT, BRD/FR 1978/79

Fleischmann hat lange Zeit filmpraktische Erfahrungen in Frankreich gesammelt, bevor DIE HAMBURGER KRANKHEIT als deutsch-französische Gemeinschaftsproduktion realisiert wurde. An der Finanzierung waren neben Fleischmanns eigener Filmproduktion das ZDF und die französische Filmförderung beteiligt.
Das Grundthema für DIE HAMBURGER KRANKHEIThatte Fleischmann schon während der Arbeiten für DAS UNHEIL im Kopf, wie er in einem Interview ausführt: "Innerhalb der acht Jahre zwischen Idee und Fertigstellung hat die DIE HAMBURGER KRANKHEIT tagesaktuelle Bezugspunkte bekommen."[58] Die Dauer bis zur eigentlichen Umsetzung erklärt er damit, daß Tod als Thema bei potentiellen Geldgebern und Kooperationspartnern lange Zeit auf Ablehnung stieß.
Am Drehbuch haben außer Fleischmann noch der französche Cartoonist und Schriftsteller Roland Topor sowie der deutsche TV-Autor Otto Jägersberg mitgearbeitet. Ihre Recherche zum Film stützte sich auf Literatur über Epidemien. [59]
 

 
DIE HAMBURGER KRANKHEIT, BRD/FR 1978/79Folgenden Zeitbezug des Films stellte Topor im Presseheft heraus: DIE HAMBURGER KRANKHEITdas ist der Alptraum von heute. Alle Ideologien, alle Versuche endgültiger Antworten sind gescheitert. Und ich sehe darin die Wiederaufwertung der Träume und der individuellen, persönlichen Fragestellungen." Die Orientierungslosigkeit aufgrund fehlender allgemeingültiger Weltanschauungen sowie die Suche nach alternativen Sinnzusammenhängen werden im Film als Bewegung umgesetzt.
Als eine Art Traum wollte auch Fleischmann seinen Film verstanden wissen: "Ich lasse mich nicht gerne festlegen auf Bewegungen. Der Film ist keine Reportage über ökologische Mißstände, kein Katastrophen-Film im herkömmlichen Sinn, sondern ein Traum. Der Ausgangspunkt ist die 'falsche' Stabilität unserer Gesellschaft. Diese diffuse Angst entsteht daraus, daß jeder das Gefühl hat, so stabil sei's gar nicht bei uns."[60}
Mit DIE HAMBURGER KRANKHEIT versucht Fleischmann ein Stimmungsbild der BRD Ende der 70er Jahre einzufangen. Ergänzend fügte er noch hinzu: "Mir kommt die Bundesrepublik und unser Leben darin irreal vor." Die als unwirklich wahrgenommenen Verhältnisse nehmen im Film Konturen an. Die Atmosphäre wird ganz wesentlich durch die synthetisch-sphärische Musik von Jean-Michel Jarre getragen, die dem Film allerdings erst in der zweiten Fassung unterlegt wurde. Zeitgleich fand die Musik als Langspielplatte unter dem Titel "Oxygene" in Westdeutschland Verbreitung.
 
 

[58] Vgl. Süddeutsche Zeitung vom 23.11.1979.

[59] Vgl. Interview in: Filmjournal, Juni/Juli 1979.

[60] AZ vom 21.11.1979.

DIF, 3.4.2000  

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