Bettina Nebel
Unterwegs in den 70er Jahren

4. Bewegungen zwischen Film und Realität - Bemerkungen zum Schluß
DIE HAMBURGER KRANKHEIT, BRD/FR 1978/79

Die Filme sind - alle auf ihre Art - ausgesprochen kunstvolle Entwürfe von Wirklichkeiten in den 70er Jahren, die das Motiv der Bewegung ganz unterschiedlich ausgestalten. Bewegung steht sowohl für persönliche als auch für geschichtliche, politische und gesellschaftliche Wandlungsprozesse. Das Motiv dient in den Filmen insbesondere zur Darstellung der Grenzen zwischen Fiktion und Realität oder inneren und äußeren Wirklichkeiten. Mit der Bewegung werden Hoffnungen, Wunschvorstellungen, Träume oder auch Ängste der Zeit formuliert, ohne daß diese in der filmischen Realität eingelöst werden können.
Es sind schwierige und entfremdet gezeichnete Lebensbedingungen in der Bundesrepublik, innerhalb eines westlich-kapitalistischen Systems, einer modernen Gesellschaft oder eines autoritären Staates, denen die Figuren entgehen wollen. Ihre Ausbruchsversuche aus bestehenden Verhältnissen oder ihr Streben nach Selbstverwirklichung beschreiben Zustände, Möglichkeiten und Grenzen, die Erfahrungen formen und vermitteln.
Die Filme bringen Innenansichten, Lebensgefühle und Stimmungsbilder der 70er Jahre zum Ausdruck, die bei der Rezeption heute noch ihre Wirkung entfalten oder sich nachvollziehen lassen.

Heimat liegt für die Protagonisten der Filme nicht in der Bundesrepublik Deutschland. Ihre Suche nach sich selbst oder einem Standort in der Gesellschaft zeigt vielmehr, daß Heimat selbst zu einer Utopie geworden ist.
Die Filme zeigen Symptome einer "totalen Mobilmachung" (Peter Sloterdijk) im modernen Zeitalter. Emotionale, intellektuelle und lokale Mobilität machen das Gefühl von Fremdheit zu einem Dauerzustand [61]. Diese Unwirklichkeit teilt sich in den Filmen mit. Es wird eine fremde Welt dargestellt, in der alte Selbstverständlichkeiten verloren gegangen sind oder permanent in Frage gestellt werden. Eine Folge ist die Identitätsunsicherheit, die Wenders für seine eigene Generation beschreibt. Er setzt mit ALICE IN DEN STÄDTEN die Vision einer ständigen Veränderung dagegen. Philipp Winters Abkapselung von der äußeren Realität ruft in ihm das Gefühl von Stagnation hervor. Im Verlauf der Reise findet sich Philipp selbst durch die Auseinandersetzung mit den unmittelbaren Begebenheiten und Situationen, mit seiner Umwelt und persönlichen Geschichte. Die Verschränkung von inneren und äußeren Entwicklungen, von Lebenslauf und Geschichte wird in der Bewegung kenntlich gemacht. Identität erscheint als kein gefestigter Zustand, sondern als ein vorläufiges Stadium. Der Film endet in der Fahrt- und Kamerabewegung und schreibt so die Idee der Veränderung als Voraussetzung für Veränderungen fort. Bewegung stellt in ALICE IN DEN STÄDTEN ein besonderes poetisches Moment dar, da sie dem Zuschauer viel Raum für eigene Reflexionen gibt.

 
STROSZEK, Werner Herzog, BRD 1976/77 Einer Veränderung stehen in STROSZEK sowohl die äußeren Verhältnisse als auch die verinnerlichten Lebenshaltungen entgegen, die das Maß an Bewegungsfreiheit, Autonomie und Selbstverwirklichung der Figuren bestimmen. Nur Eva ist mobil genug und kann neue Handlungsspielräume für sich erschließen. Stroszek scheitert dagegen bei dem Versuch, den Kreislauf zu durchbrechen. Am Ende wirken die durch Bewegung veranschaulichten Vorstellungen und Entwürfe von einem anderen Leben nach, obwohl die Protagonisten sie unter den gegebenen Umständen nicht in die Tat umsetzen können.  
 [61] Vgl. Schneider, in: Karpf, 1991. S. 58.
DIF, 3.4.2000  

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