Lutz Keßler  
Auf der Suche nach dem Glück im Stillstand
Georg Tresslers ENDSTATION LIEBE (BRD 1957/58)

 

ENDSTATION LIEBE, Georg Tressler, BRD 1958

Nicht zu Unrecht begriff die Kritik den von Georg Tressler gedrehten Film ENDSTATION LIEBE als einen aus der Masse der seichten Unterhaltungsfilme der 50er Jahre herausragenden Film. Man sprach von "subtilem Realismus", verglich ihn in Ansätzen mit Siodmaks MENSCHEN AM SONNTAG und sah ihn beinahe schon als "ein deutsches Gegenstück zum italienischen Neo-Realismus" [1]. Nicht einmal Joe Hembus kam umhin, ihn - in seiner ansonsten so gnadenlosen Abrechnung mit dem deutschen Nachkriegsfilm - als einen "der besten westdeutschen Filme der letzten zehn Jahre" zu bezeichnen und ihn gar als Vorreiter einer Entwicklung zu sehen, "die als neue Welle heute [1961] die erfrischendste Weltmode des Films ist – ohne daß es dem deutschen Film vergönnt wäre, daran teilzunehmen" . [2]

Diesen hohen Ansprüchen wird ENDSTATION LIEBE, vom heutigen Standpunkt aus betrachtet, nur in Ansätzen gerecht. Berücksichtigt man aber den damaligen Zustand bundesdeutscher Spielfilmproduktionen, läßt sich die Euphorie der Kritiker über diesen kleinen, unaufgeregt erzählten Film durchaus nachvollziehen. Zu weit ragt er aus der Masse der sonstigen harmlosen standardisierten und nur auf billige Unterhaltung abzielenden Filme heraus, deren banale Sujets allenfalls dafür herhalten mußten, die Stars jener Tage nur groß genug auf die Leinwand zu bringen.

Tatsächlich gelingt Tressler und seinem Drehbuchautor, dem Journalisten Will Tremper, eine bis dato kaum für möglich gehaltene Milieuschilderung bundesrepublikanischen Alltags. Dabei verzichtete er konsequent auf jeglichen schmückenden Zierrat und alles Sensationelle. Hier stehen keine Kaiserinnen, keine ihr Leben riskierenden Försterbuben, Ärzte oder Schlagersänger im Mittelpunkt. Statt dessen beschränkte sich Tressler auf die einfache Schilderung zweier deutscher Durchschnittsfamilien, wie sie typischer für die gesellschaftliche Konstellation der späten Adenauer-Republik nicht sein könnten. Hier der redliche Arbeiterhaushalt von Vater und Sohn Berger, mutterlos. Dort der vaterlose kleinbürgerliche Haushalt der Familie Christas.

 
 

[1]Luft, in: Die Welt vom 8.2.1958

[2] Hembus, 1961. Seite 86.

 

DIF, 3.4.2000
 
 

 
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