Lutz Keßler  
Jugend zwischen Himmel und Hölle
Ansätze einer sich frei entwickelnden Jugendkultur in Robert A. Stemmles SÜNDIGE GRENZE (1951)

 

SÜNDIGE GRENZE, Robert A. Stemmle, BRD 1951

Mit Robert Adolf Stemmles Film SÜNDIGE GRENZE kam 1951 ein in vielerlei Hinsicht bemerkenswerter Film in die bundesrepublikanischen Kinos. Es war dies bereits Stemmles zweiter Versuch als Regisseur und Drehbuchautor, sich eines Zeitproblems anzunehmen und damit einen Beitrag zu leisten, Ordnung ins Chaos der deutschen Nachkriegszeit zu bringen. Daß er dazu durchaus imstande war, auch wenn ihm damit an der Kinokasse der ganz große Erfolg letztendlich verwehrt blieb [1], hatte er 1948 mit der Trümmer-Satire BERLINER BALLADE bereits bewiesen, in der ein bis auf die Knochen ausgezehrter Gert Fröbe in der Rolle des Kriegsheimkehrers Otto Normalverbraucher mit den Nachkriegswirren von Bürokratie und Kriminalität zu kämpfen hatte.

Auch drei Jahre später geisterte das Schreckgespenst des Schwarzhandels und Schmuggels noch durch die Köpfe der Menschen. Dabei mutierte die mit diesem Phänomen verbundene Angst, insbesondere auch hinsichtlich möglicher Folgen für die Jugend, vor einem neuerlichen Chaos und dem unvermeidbaren moralischen Werteverfall im kollektiven Bewußtsein der deutschen Nachkriegsgesellschaft zu einer nahezu schon existentiellen Bedrohung der gerade erst wieder mühsam etablierten Ordnung der jungen Bundesrepublik. Genau hier setzt Stemmles Film an, indem er sich dieser latenten Ängste annahm und seinen Zuschauern die "heilende" Wirkung einer durch und durch reaktionären Erziehungspolitik vor Augen führte.

Die Idee zu SÜNDIGE GRENZE entnahm Stemmle Nachrichten über jugendliche Schmugglerbanden, die im deutsch-belgisch-holländischen Dreiländereck ihr Unwesen trieben und mit dem Schmuggel von Kaffee und anderen Dingen einen unverzichtbaren Beitrag zur Bewältigung der täglichen Not ihrer Familien leisteten. Stemmles Standpunkt ist eindeutig. So lange diese Kinder nicht aus ihrer mißlichen Situation herauskämen, gerieten sie in einen Teufelskreis, der sie unweigerlich in die Sphäre der Kriminalität abgleiten läßt. Um dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten, schickt Stemmle den moralisch integeren Dieter Borsche als Studenten (!) in dieses "Babylon" sündiger Grenzen. Als moralische Instanz soll er nicht nur das Vertrauen der Kinder gewinnen, sondern auch helfen, die Verhältnisse an der Grenze mit scheinbar wissenschaftlichem Interesse zu beleuchten. Daß er sich dabei in eines der Schmugglermädchen verliebt und sie am Ende in seine Arme nimmt, versteht sich von selbst. Gehörte doch eine Liebesgeschichte unweigerlich zum festen Bestandteil fast jedes deutschen Nachkriegsfilms.

 
 

[1] Der Film wurde für die von Alf Teich und Heinz Rühmann gegründete Comedia Filmgesellschaft produziert, die nur wenige Tage nach der Premiere des Films schon wieder Pleite war.

DIF, 3.4.2000
 
 

 
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