Lutz Keßler 
Zwischen Aufbruch und Stillstand
Jugend und Film während der Adenauerzeit

 

AM TAG, ALS DER REGEN  KAM , Gerd Oswald, BRD 1959
Die unmittelbare Nachkriegszeit war geprägt vom täglichen Kampf ums Überleben. In den oftmals durch den Krieg dezimierten Familien wurde und konnte kaum Rücksicht auf eine kind- und jugendgerechte Entwicklung bzw. Erziehung genommen werden. Hier mußte jedes Familienmitglied, ob jung oder alt, nach besten Kräften zum Lebensunterhalt der eigenen Familie beitragen. Anstatt spielerisch die Grenzen des Lebens auszuloten, war der Großteil der Kinder früh gezwungen, Verantwortung zu übernehmen, selbstdiszipliniert zu leben und hart zu arbeiten. Trotzdem boten sich den Jugendlichen in dieser Zeit auch ungeahnte Freiräume, da die vorrangig mit der Existenzsicherung beschäftigten Eltern nicht die notwendige Zeit zur Erziehung und Kontrolle ihrer Kinder aufbringen konnten. 

Mit dem Marshallplan und der Währungsreform 1948 begann sich diese Situation langsam, aber stetig zu verändern. Mit der zunehmenden Konsolidierung der materiellen Situation des Alltags und der Wiederherstellung weitgehender sozialer Sicherheit begann nun auch eine Phase der Reorganisation des Erziehungswesens und der staatlichen Fürsorge. Für die Kinder und Jugendlichen bedeutete dies zunächst eine spürbare Verbesserung ihrer materiellen Situation im Bereich Ernährung, Kleidung und dergleichen. Daneben machte sich auch das Bestreben bemerkbar, die Zukunftsperspektiven durch den Ausbau des Bildungswesens zu verbessern. Vor allem eklatante Raumnot und der Mangel an qualifizierten Lehrkräften sorgten vielerorts für katastrophale Zustände, die es zu beseitigen galt. Weitere Bemühungen betrafen die Bekämpfung der immer noch hohen Jugendarbeitslosigkeit und einer verstärkten Sorge um die große Anzahl kriegsbedingter Halb- und Vollwaisen. 

Die Angst vor der sittlichen Verwahrlosung 
In einer zweiten Phase begann man sich zunehmend um die ideelle Verfassung der Jugend, in erster Linie um ihre moralische Entwicklung, zu sorgen. Neben der wertkonservativen Politik Adenauers waren es die vielen jungen Erwachsenen, die sich durch den Nationalsozialismus und die Selbstdisziplinierungszwänge der unmittelbaren Nachkriegsjahre "durchweg um ihre Jugend betrogen"[1] fühlten und nun glaubten, ihren Nachwuchs unter dem Vorwand des Jugendschutzes schonungslos trimmen zu müssen, damit dieser nicht "leichtfertig, durch Unkorrektheiten aller denkbaren Art" seine Zukunft verspielen mochte. Ebenfalls für strengere Erziehungsmethoden plädierte ein Großteil des Bildungsbürgertums, das in der zunehmenden Amerikanisierung der Jugend den unmittelbar bevorstehenden Kulturverlust heraufziehen sah.[2] Den Höhepunkt dieser Phase markierte eine von der Bundesregierung 1953 initiierte Kampagne gegen "Schmutz und Schund". 

 [1] Ziehe, in: Bucher / Pohl, 1986. S. 255f.

[2] Vgl. Grotum, 1994. S. 75f. 

DIF, 3.4.2000
 
 

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