Bettina Jäger, Renate Jost, Bettina Nebel
Der bundesrepublikanische Film der 70er Jahre – Eine Entdeckungstour

Aus heutiger Perspektive erscheinen die Filme, die in der Bundesrepublik Deutschland in den 70er Jahren entstanden sind, meist schwer zugänglich. Die ausschweifenden Selbstdarstellungen, Problemfilme oder Melodramen gelten als kopflastig, elitär, unfilmisch, langweilig oder schwermütig. Der erkennbare politische und sozialkritische Anspruch vieler Filme verspricht kein Kinoerlebnis oder gar Vergnügen im Kino. Den filmwissenschaftlichen Kanon sowie die Publikationen dominieren Autorenfilmer wie Rainer-Werner Fassbinder, Wim Wenders, Werner Herzog oder Alexander Kluge. An vielen der Filme scheiden sich unterschiedliche Positionen oder der Publikumsgeschmack - damals wie heute. Es gibt in den 70er Jahren kein ausgesprochenes deutsches Mainstream-Kino. Filme, die ein breites Publikum im Kino erreichten und dort Kassenerfolge erzielten, blieben vielmehr die Ausnahme. Über das Fernsehen wurden seit den 60er Jahren neue Sehgewohnheiten etabliert, die sich an den Erzählkonventionen amerikanischer Filme orientieren. Filmkritiken nehmen ab Mitte der 70er Jahres immer häufiger die Standards des Hollywoodfilms zum Maß.[1]

Die "Blüte des Neuen Deutschen Films" in den 70er Jahren erklärt sich weniger von der Rezeptionsseite als aus den kulturpolitischen Verhältnissen unter einer sozialliberalen Kooalition sowie den reformpolitischen und emanzipatorischen Bestrebungen, die 1968 ihren Ausgangspunkt nehmen und eine quantitative und qualitative Vielfalt an Filmen hervorbringen. Die staatlich subventionierte Förderungslandschaft eröffnet Spielräume und Experimentierfelder für die Filmproduktion. Daneben setzt der politische und soziale Wandel nach 1968 ein außerordentliches ästhetisches Potential frei, das in einer Vielzahl von Formensprachen seinen Ausdruck findet.

 
 

[1] Garncarz, 1993, S. 187.

 

DIF, 3.4.2000  

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