Bettina Jäger, Renate Jost, Bettina Nebel
Der bundesrepublikanische Film der 70er Jahre – Eine Entdeckungstour

Für unsere Arbeitsgruppe ist der Abstand zu den 70er Jahren noch nicht groß genug, um ihn als historisch bezeichnen zu können. Die Dekade ist Teil einer wichtigen Entwicklungsphase der eigenen Lebensgeschichte. Als Jugendliche haben wir die Zeit nach 68' jedoch aus einer anderen Perspektive erlebt als die Generation, die unmittelbar involviert war, wie auch ein Großteil der Filmemacher und Filmemacherinnen oder das "neue Kinopublikum".

Einige Filme knüpfen zwar an die eigenen Erfahrungen und Wahrnehmungen an, lassen spezifische Erinnerungen an die Zeit, Mode oder Musik lebendig werden, aber sie widersprechen ihnen auch oder konfrontieren sie mit noch unbekannten Sichtweisen. Andere Filme wirken mit ihrer eindeutigen Parteinahme und Aussage belehrend, ihre Themen derzeit nicht aktuell oder ihre Machart unfilmisch. Filme von Werner Herzog oder Peter Lilienthal lassen durch raum-zeitlich entfernte oder verfremdete Szenerien keine offensichtliche Bezügen mehr zu der bundesrepublikanischen Realität in den 70er Jahren erkennen. Im Verlauf der Videosichtung von Filmen ganz unterschiedlicher Regisseure und Regisseurinnen hielt sich jedoch der Eindruck, daß die Filme zumeist eine depressive Stimmung oder negative Weltsicht vermitteln. Es zeichnen sich nur selten positive Handlungs- oder Lebensentwürfe ab. Im Vordergrund steht vielmehr das Leiden des Einzelnen an der Gesellschaft und am Ende das Scheitern, Mord oder der Tod der Protagonisten als der einzige Ausweg. Der Rezipient wird nicht selten unbestimmt, nachdenklich oder bedrückt aus den Filmen entlassen. Melancholie ist ein Grundton, der sich durch die meisten Filme zieht. Die Zeitdiagnose von Michael Rutschky liefert eine Erklärung:

"Wir haben versucht, die Welt als 'die Gesellschaft' zu begreifen (und das ist auch ganz richtig); aber wir sind, indem wir diesen Begriff zu leben versuchten, unter den Einfluß der Melancholie geraten, welche der gesellschaftliche Prozeß, indem er 'Gesellschaft' als Allgemeines durchsetzt bei ihren Trägern hervorbringt." [2].

Die Melancholie, die bei der Rezeption vieler Filme spürbar ist, aber auch mit unterschiedlichen Mitteln aufgelöst wird, bildet einen gemeinsamen Ausgangspunkt unserer Fragestellungen.

 
 

[2] Rutschky, 1980, S. 226.

 

DIF, 3.4.2000  

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