Claudia Dillmann, Rudolf Worschech
Neuer Deutscher Film

3. Kritik als Abgrenzung und Ausgangspunkt

ENDSTATION LIEBE,  Georg Tressler, BRD, 1957/58

Sowohl Hembus als auch Schmieding nehmen sich die wichtigsten Regisseure des bundesdeutschen Nachkriegsfilms, Kurt Hoffmann, Wolfgang Staudte und Helmut Käutner, und ihre Werke vor und antizipieren dabei die Diskussion um die Funktion des Regisseurs als Autor des Films, die für das Selbstverständnis der Regisseure des Neuen Deutschen Films so wichtig werden sollte. Hembus bezieht sich dabei ausdrücklich auf André Bazin und seine Definition eines Filmschöpfers als einem, "der in der ersten Person erzählt". Dieser Definition hält - natürlich - keiner der drei bundesdeutschen Regisseure stand.

Die Unversöhnlichkeit ihrer Haltung macht beide Bücher immer wieder lesenswert, fordert aber aus heutiger Perspektive auch zu Kritik und Revision heraus. Beide Autoren übersehen - trotz Hembus' Lob für Tresslers ENDSTATION LIEBE - die Momente, in denen "Opas Kino" sich über die Standards der Zeit hinwegsetzte. Gerade im Werk der drei bekanntesten Regisseure der 50er Jahre finden sich einige Filme, in denen sich Altes und Neues durchdringen, bei Käutner etwa die Betonung des Physischen in DIE LETZTE BRÜCKE und SCHWARZER KIES. Die Kritik am Film der 50er Jahre diente als Abgrenzung und als Ausgangspunkt für das zugleich verlangte Neue. Haltung und Ton waren derart festgelegt, daß fast ein Viertel Jahrhundert lang keine weitere ernstzunehmende Auseinandersetzung mit dem bundesdeutschen Film nach '45 erschien (die noch immer interessante, wenn auch in Details überholte Untersuchung der ersten Jahre "Der Deutsche Nachkriegsfilm 1946-48" von Peter Pleyer, 1965, wegen ihrer zeitlichen Beschränkung und ihres ökonomischen Ansatzes ausgenommen). Und die Re-Vision der 50er wurde Mitte der 80er Jahre erst möglich, als jenes Jahrzehnt vom Zeitgeist wiederentdeckt wurde und zugleich der Neue deutsche Film ins historisch-kritische Blickfeld geriet. Die Geschichtsschreibung hatte auch hier der bis dahin gültigen Praxis entsprochen: Einzig Fassbinder hatte in seiner Konstruktion und Rekonstruktion deutscher (Film-) Geschichte regelmäßig mit Schauspielerinnen und Schauspielern des alten "Kommerzkinos" zusammengearbeitet.

 
SCHWARZER KIES, Helmut Käutner, BRD, 1961 
 

 

DIF, 15.8.2000  

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