Claudia Dillmann, Rudolf Worschech
Neuer Deutscher Film

4. Psychohistorische Filmanalyse

DER VERLORENE, Peter Lorre, BRD,1951

Eine knappe Einführung in den Film der 50er Jahre gibt Klaus Kreimeier in seinem Film-Kapitel des Sammelbands "Die fünfziger Jahre", herausgegeben von Dieter Bänsch. Den Film der 50er Jahre als sozialpsychologischen Forschungsgegenstand untersuchte als erster Gerhard Bliersbach. Sein "So grün war die Heide. Der deutsche Nachkriegsfilm in neuer Sicht" erschien 1985. Der Psychologe Bliersbach untersucht 14 in den 50er Jahren besonders populäre deutsche bzw. österreichische Filme als Kommunikationsmodell, das es ihm erlaubt, die in den Subtexten der Filme verborgenen psychischen Verklemmungen, Sehnsüchte und Träume pointiert herauszuarbeiten. In seinen Augen erzählen gerade die trivialen Filme die familiären Konflikte der Nachkriegszeit nach und berichten vom verletzten Stolz und der Angst der Westdeutschen nach 1945. Seine Filmanalysen beziehen immer wieder Personengruppierungen, Figuren und Handlungsführung eines Films auf Vorgänge in der Realität oder auf die Psychodynamik der Nachkriegsgesellschaft und arbeiten die zerbrochene Familie mit ihren enttäuschten Frauen, schuldbeladenen Männern und in ödipalen Konflikten gefangenen Söhnen als Grundkonstellation des Nachkriegsfilms heraus. Nach Siegfried Kracauer war diese psychohistorische Methode der Filmgeschichtsschreibung so neu nicht, und sie führt auch im Verlauf des Buches zu schneller Erkenntnismüdigkeit. Vor allem kümmert sie sich kaum um die politische Bedeutung der Filme.

Eine Neubewertung des bundesdeutschen Nachkriegsfilms versuchte dagegen Claudius Seidl in seinem Buch "Der deutsche Film der fünfziger Jahre", 1987. Auch er entwirft, eindeutig angelehnt an Bliersbach, sozialpsychologische Zusammenhänge zwischen Filmerzählungen und Entwicklungen in der Realität. Die Gliederung seines Buchs orientiert sich an den standardisierten Genres des deutschen Films jener Tage wie Heimatfilm, Arztfilm, Komödie oder "Problemfilm". Doch versucht Seidl in fast jedem seiner Kapitel, die innovativen und bleibenden Filme vor dem Vergessen zu retten. Das reicht von Peter Lorres damals völlig untergegangenem DER VERLORENE, über den besonders wegen seiner Fotografie gelobten ungewöhnlichen Heimatfilm ROSEN BLÜHEN AUF DEM HEIDEGRAB bis zu Siodmaks DIE RATTEN.

 
DIE RATTEN, Robert Siodmak, BRD, 1955 
ROSEN BLÜHEN AUF DEM HEIDEGRAB, H.H. König, BRD 1952 
 

 

DIF, 15.8..2000  

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