Claudia Dillmann, Rudolf Worschech
Neuer Deutscher Film

6. Protest gegen Förderung des "Schnulzenkartells"

Im selben Jahr veröffentlichten der Filmkritiker Michael Dost, der Filmwirtschaftler Florian Hopf und der Regisseur Alexander Kluge "Filmwirtschaft in der BRD und in Europa. Götterdämmerung in Raten". Unmittelbar bevor der (auch von Hembus und Enno Patalas) durchaus kritisierte Junge Deutsche Film durch eine neue Generation von Filmemacherinnen und Filmemachern in den Neuen deutschen Film transformiert wurde, erschien dieses Weißbuch für die Novellierung des Filmförderungsgesetzes, eine Kampfschrift zur Herstellung von Öffentlichkeit mit ausreichend vielen Tabellen, Vergleichen mit "richtigen" europäischen Filmländern, konkreten und visionären Entwürfen einer "echten" Filmkultur und im echten Stil der 70er Jahre - gefördert vom Bundesinnenministerium. Die seitherige Filmförderung, klagten die Autoren, käme allein dem "Schnulzenkartell" zugute. Die politische Alternative könne nur "gar kein Gesetz" oder "Reform" lauten. Die zentrale Forderung hieß, daß Massenmedien nicht allein aus dem Verwertungsinteresse bestimmt werden könnten, daß folglich der "unabhängige" Film von den Bedingungen des Marktes abzukoppeln sei. Um auf die Bedürfnisse des Publikums - sein Desinteresse bildete den Kern des Legitimationsproblems - antworten und sie "emanzipatorisch strukturieren" zu können, brauchte es Filmkultur. Aber ein "Lösungsansatz" für die andauernde Krise hieß auch, daß sich der "künstlerische Film" von seinen "Verzerrungen" befreien und sich nicht auf Dauer an "Minoritäten abarbeiten" könne. - 1974 wurde das Filmförderungsgesetz im Sinne der Autoren novelliert mit erleichterter Referenzfilmförderung, Projektförderung und dem Rahmenabkommen Film/Fernsehen. Der "unabhängige" Film begab sich in die Obhut des Staates und zugleich auf die Suche nach dem Zuschauer.

 
  
 

 

DIF, 15.8.2000

  

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