Claudia Dillmann, Rudolf Worschech
Neuer Deutscher Film

7. Politische Einflüsse auf den Film?

Auch Klaus Kreimeier behandelt in seinem 1973 erschienenen Buch "Kino und Filmindustrie in der BRD. Ideologieproduktion und Klassenwirklichkeit nach 1945" den Jungen deutschen Film. Er freilich rechnet ab. In seiner konsequent durchgehaltenen historisch-materialistischen Perspektive stellt sich die Geschichte als Abfolge von Klassenkämpfen dar, in der Kulturprodukte als "Überbau"-Phänomene vornehmlich nach ihrem ideologischen Gehalt zu erforschen sind:

"So ist in der bürgerlichen Gesellschaft das Kino sensu strictu ein Propagandamittel der Bourgeoisie, die mit Hilfe ihres Staatsapparates Einfluß auf seine Erzeugnisse zu nehmen sucht..."

Es ist für Kreimeier leicht, diese These im monolithischen Block der 50er Jahre mit seiner offenen und versteckten Zensur nachzuweisen und die Kongruenz von gesellschaftlicher Restauration und dem autoritären Grundzug vieler Filme darzustellen. Auch den Jungen deutschen Film deutet Kreimeier als Reflex auf eine sich verändernde politische Situation, auf den Reformismus sozialdemokatischer und sozialliberaler Provenienz. Er statuiert jenen klassischen politischen Eskapismus, "der seine gesellschaftliche Basis vorzüglich unter den kleinbürgerlichen Intellektuellen hat". Selbst die sich zu Beginn der 70er Jahre formierenden Kommunalen Kinos sind für ihn nur ein "Modell systemgerechter, d.h. den aktuellen inneren Schwierigkeiten des kapitalistischen Systems angemessener Freizeitorganisation". Kreimeiers Vertrauen auf eine revolutionäre Veränderung der Gesellschaft und damit verbunden eine Revolutionierung kultureller Prozesse hat sich in den 25 Jahren seit Erscheinen bislang nicht eingelöst, und dennoch bildet sein in der Verve Hembus' Streitschrift ebenbürtiges Pamphlet eine Ausnahmeerscheinung innerhalb der westdeutschen Filmpublizistik: weniger in seinen Erkenntnissen über die Filmgeschichte denn als Dokument der Befindlichkeit der deutschen Linksintellektuellen und der dogmatischen Tendenzen nach der Studentenbewegung.

Kreimeier hat sowohl zum Film der 50er Jahre als auch zum Neuen deutschen Kino in zwei zu Ausstellungen des Deutschen Filmmuseums Frankfurt erschienenen Katalogen (ZWISCHEN GESTERN UND MORGEN, 1989, und ABSCHIED VON GESTERN, 1991) noch einmal vehement Stellung bezogen. Zwar gibt er seine kritische Haltung zur deutschen Filmgeschichte nach 1945 nicht auf, revidiert aber seinen marxistisch-mechanistischen Ansatz. In seiner Betrachtung des Films der 50er Jahre bezieht er nun auch den Aspekt der Psychostruktur des zeitgenössischen Publikums mit ein, das die Verlusterfahrung mit einer Ökonomie der Gefühle kompensierte. Den Neuen deutschen Film aber rechnet er nach wie vor einer "Kultur der gefälligen Harmlosigkeit und der verschnörkelten Beliebigkeiten" zu: Er war "eine Behindertenkultur und rief folgerichtig nach gesetzlich geregeltem Minderheitenschutz".

 
  
 

 

DIF, 15.8.2000  

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