Claudia Dillmann, Rudolf Worschech
Neuer Deutscher Film

10. Frauen bewegen den Film

ZUR SACHE SCHÄTZCHEN, May Spils, BRD,1967

1980 blickten auch die Filmemacherinnen zurück: Auf Erreichtes und Verfehltes. Renate Möhrmann skizzierte in "Die Frau mit der Kamera. Filmemacherinnen in der Bundesrepublik Deutschland. Situation, Perspektiven, 10 exemplarische Lebensläufe" die gesamtgesellschaftliche Diskriminierung von Frauen und die spezielle in den von Männern dominierten Medien. Die stolz registrierten Erfolge der Regisseurinnen/Produzentinnen führt sie auf die Frauenbewegung zurück, die erst das Bewußtsein für die Benachteiligung geschaffen und Wege aufgezeigt habe, die Determination zu überwinden. Aufbruch und Durchsetzung heißen denn auch die Hauptthemen der Interviews, die vielschichtiger und anregender sind als die von Möhrmann verfaßten Lebensläufe oder die recht platte Einleitung. - Aufschlußreich ist die vergleichende Lektüre mit den Interviews, die Renate Fischetti zwölf Jahre später für ihr "Das neue Kino - Acht Portraits von deutschen Regisseurinnen" ebenfalls mit Ula Stöckl, Claudia von Aleman, Helma Sanders-Brahms, Ulrike Ottinger Margarethe von Trotta und Jutta Brückner geführt hat: Der Optimismus von 1980 ist zwölf Jahre später der Skepsis gewichen. Anders als Möhrmann ein Jahrzehnt zuvor richtet Fischetti den Blick weniger auf die persönliche, gleichwohl als exemplarisch aufgefaßte Situation der Frauen als vielmehr auf deren Filme und darauf, worin sie sich von den Arbeiten der Männer unterscheiden: in der experimentellen Erzählweise, der Verknüpfung mit dokumentarischem Material, der radikalen Subjektivität, ihrer von Ehrlichkeit geprägten Hinwendung zur Realität.

Daß Männer zu anderen Einschätzungen der Bedeutung des "Frauenfilms" innerhalb des Neuen Deutschen Films kamen, demonstrierten Robert Fischer und Joe Hembus in "Der Neue Deutsche Film. 1960-1980" aus dem Jahr 1981. In der Auswahl von 51 Filmen, die sie nach deren Bedeutung und ihren "persönlichen Neigungen und Vorlieben" detailreich, engagiert und vorzüglich kommentiert vorstellen, finden sich nur zwei Arbeiten, deren Regie Frauen übernommen hatten: ZUR SACHE SCHÄTZCHEN, 1968, von May Spils und DAS ZWEITE ERWACHEN DER CHRISTA KLAGES, 1978, von Margaretha von Trotta. Abgesehen von letzterem Film und den Arbeiten der Ulrike Ottinger sehen die beiden Autoren in den Filmen aller anderen Frauen "nur Narzißmus als Verliebtheit in die eigene Larmoyanz" walten und in den Protagonistinnen der Filme "kaum mehr als Projektionen eines nur als Fata Morgana vorhandenen Überbaus".

 
DAS ZWEITE ERWACHEN DER CHRISTA KLAGES, M. von Trotta, BRD 1978 
 

 

DIF,15.8.2000  

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