Claudia Dillmann, Rudolf Worschech
Neuer Deutscher Film

12. Ausführlich und profund: Elsaesser zum Neuen Deutschen Film

Von der bloßen Nacherzählung der Erfolgsstory, von Hagiografie, Klatsch und persönlichen Vorlieben am weitesten entfernt ist das ausführlichste und profundeste Buch zum neuen deutschen Film, Thomas Elsaessers "Der Neue deutsche Film. Von den Anfängen bis zu den neunziger Jahren" (1989, deutsche Ausgabe: 1994). Alle Widersprüche des Neuen Deutschen Films im Konzept der Unabhängigkeit zwischen Kommerzkino und Fernsehen, zwischen dem politischen Begriff des "Autors" und realer Abhängigkeit, zwischen Autoren- und Zuschauerkino, internationaler Filmökonomie und nationaler Filmökologie analysiert er und macht sie fruchtbar für das Begreifen dessen, was die Vielfalt, aber auch die Einheitlichkeit der Filme zumindest bis zum Ende der 70er Jahre ausmachte: wie sie diese Konflikte, ihre Produktionsbedingungen widerspiegeln, wie ihre "Einstellung" zu den Protagonisten sie prägt, wie sie kritisch, melancholisch, zornig, verzweifelt die Stimmung der 70er Jahre einfangen - die Stimmung auch ihres Publikums -, wie sich die thematischen Motive und Konfigurationen trotz fehlenden Gruppenstils gleichen, wie die Filmemacher und Filmemacherinnen sehr wohl als Folge ihres Legitimationsdefizits permanent Strategien zur Gewinnung des Zuschauers entwickelten, wie sie das "Kino der Erfahrung" als authentischen Ausdruck unmittelbarer Betroffenheit schufen. Keinen Aspekt der komplexen Entwicklung läßt Elsaesser unberücksichtigt, weder die Logik der Produktion heftig debattierter Literaturverfilmungen, noch den ästhetischen und ideologischen Einfluß des Dokumentar- und Experimentalfilms oder die Schule der "Arbeiterfilme" und die unterschiedlichen Ausrichtungen der Hochschulen.

Elsaesser schrieb dieses Standardwerk in Großbritannien aus doppelter Perspektive: einmal aus dem Bewußtsein der heraufziehenden Krise des europäischen Films; zum anderen aus der Sicht der angloamerikanischen Filmwissenschaft, die weiter entwickelt war als die deutsche und über einen geschärften Blick auf besondere Eigenheiten des Films verfügte, welche weder die bundesdeutsche Kritik noch die Macher selbst gesehen hatten; die auf den Neuen Deutschen Film analytischer reagieren konnte, da dessen Werke bereits akute Fragestellungen der Filmwissenschaft berührten wie die Themen "Autor", "Psychoanalyse und Film", "Feminismus und Film" oder "Was ist nationales Kino?".

 
  
 

 

DIF,15.8.2000  

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